Ich bin vergewaltigt worden – warum ich nicht länger schweige

(Trigger Warnung: Vergewaltigung)

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 07.August 2015 auf Edition F.

Er spiegelt meine Erfahrungen und Gefühle zum Zeitpunkt der Veröffentlichung 2015 wider.

Da ich auch auf meiner eigenen Webseite häufig über das Thema sexualisierte Gewalt spreche, ist es mir wichtig, dass er auch hier abrufbar ist.

Ich habe zu lange geschwiegen

Ich bin vergewaltigt worden. Das ist jetzt dreieinhalb Jahre her. Genau so lange habe ich gebraucht, um mich zu trauen, diesen Satz laut auszusprechen. Denn irgendwie…vielleicht war es ja doch ganz anders?

Bin ich nicht selbst Schuld? Ein bisschen zumindest? Gibt es das überhaupt? Ein bisschen Schuld?

Ich bin damals mit einem Mann nach Hause gegangen. Ich war ziemlich betrunken und einfach faul.
Zu faul um noch von Berlin-Mitte nach Neukölln zu fahren, er wohnte direkt um die Ecke von der Bar, wo wir uns kennenlernten. Wir hatten uns davor eine Weile gut unterhalten, aber es lief nichts, er hat auch keinen Versuch gestartet, bot mir aber an, ich könne bei ihm schlafen. Als wir bei ihm waren, habe ich ihm klipp und klar gesagt, dass ich einfach nur schlafen möchte. Wir legten uns hin.

Er nutzte aus, dass ich betrunken war

Nachts bin ich dann irgendwann davon aufgewacht, dass er auf mir lag und in mich eingedrungen war. Ich brauchte ein paar Sekunden um zu realisieren, was gerade passierte. Dann schrie ich ihn an sofort aufzuhören. Noch heute kann ich mich an sein verwundertes Gesicht erinnern. Glaubte er tatsächlich, ich wolle mitmachen?
Ich verstehe bis heute nicht, wie er auf diese Idee kam.

Ich bin dann tatsächlich wieder eingeschlafen und am nächsten Morgen machte er mir einen Kaffee als ob nichts gewesen wäre. Für mich war alles wie ein schwammiger Albtraum. Er ist sicher kein zutiefst schlechter Mensch, aber in dieser Nacht war er zum Vergewaltiger geworden.

Wie so viele Frauen, habe ich sexuelle Übergriffe verdrängt

Wir sprachen über alles mögliche andere, aber nicht mehr über den „Vorfall“, ich ging dann nach Hause und habe versucht das Ganze so schnell wie möglich zu verdrängen.
Er gab mir damals sogar seine Nummer, ich schmiss sie zuhause weg.

Da ich damals noch gar nicht realisiert hatte, was mir da eigentlich passiert war, kam ich auch nicht auf die Idee Anzeige zu erstatten. Ich schämte mich, es fühlte sich widerlich an und ganz laut sagte eine Stimme in meinem Kopf:  „Du bist doch selber Schuld, wenn du betrunken mit einem Typen nach Hause gehst!“

Ein paar Monate später bekam ich eine Ausgabe des Stern in die Hände, mit einen Leitartikel, in dem es genau um dieses Thema ging: Die Dunkelziffer bei Vergewaltigungen, ab wann es sich de facto um eine Vergewaltigung handelt und warum sich so viele Frauen nicht trauen darüber zu sprechen. Die Erinnerung kam zurück.
Das erste Mal realisierte ich, dass ich vergewaltigt worden war. Der Mann war gegen meinen Willen in mich eingedrungen. Je länger ich nachdachte, desto mehr sexuelle Übergriffe fielen mir ein, die mir im Laufe meines Lebens zugestoßen waren.

Belästigung wird geduldet – immer noch

Ich bin in München aufgewachsen und natürlich war ich als Teenager Dauergast auf dem Oktoberfest. Dort gehört es quasi zum guten Ton, sexuell belästigt zu werden. Mädels im Dirndl werden von vielen männlichen Gästen als Freiwild gesehen. Einmal wurde ich von zwei Männern festgehalten, die mir die Zunge in den Hals steckten, und mir an die Brüste griffen, ein anderes Mal fasste mir ein etwa 60jähriger unter den Rock zwischen die Beine.
Da war ich 15 oder 16.

Irgendwann ging ich nicht mehr aufs Oktoberfest und heute, nachdem ich die Verdrängung realisiert habe, bin ich mir sicher, dass das der größte Grund dafür ist. Geschichten wie diese sind sicher die „harmlosesten“, jedes Jahr gibt es dort angezeigte und noch viel mehr nicht angezeigte Vergewaltigungen. Das Problem ist bekannt, es gibt mittlerweile mehrere Initiativen für „sichere Wiesn“, aber etliche Frauen meiden das Fest aufgrund schlechter Erfahrungen.

Ich bin keine Ausnahme

Fast alle meiner Freundinnen haben traumatisierende Erfahrungen mit Männern gemacht. Erzwungener Geschlechtsverkehr bildet zum Glück die Ausnahme, aber verbale und körperliche Übergriffe kennt quasi jede. Unsichtbare Erfahrungen, die so viele von uns verbinden. Übergriffe und Belästigung sind für Frauen Alltag – noch immer. Egal wie alt wir sind, egal wie wir aussehen und egal was wir anhaben.

Warum schreibe ich über meine Vergewaltigung?

Der Grund weshalb ich diesen Beitrag verfasse, ist, dass ich es selbst nicht glauben kann wie lange ich mich für die Vergewaltigung verantwortlich gemacht habe. Ich bin überzeugte Feministin. Sofort würde ich auf die Straße gehen wenn es um die sexuelle Selbstbestimmung der Frauen geht, würde mir jemand die Geschichte erzählen, würde ich ihn bestärken, rechtliche Schritte einzuleiten. Ich habe das damals nicht getan, ich habe die Nummer zerknüllt und ins Altpapier geschmissen. Tatsächlich habe ich den Namen des Mannes vergessen oder vielleicht verdrängt, ich könnte auch nicht mehr sagen, wo sich die Wohnung befand.
Und dann ertappe ich mich selbst immer wieder dabei wie ich denke:

„Vielleicht war das Ganze ja ein Missverständnis und er dachte es ist okay?“

„Vielleicht hätte ich einfach heimfahren sollen?“

„Vielleicht war es ihm gar nicht bewusst, was er da getan hat?“

Nein.

Ganz sicher war ihm in dem Moment nicht bewusst, dass er gerade eine Straftat begeht. Hat er aber.
Genau darum geht es ja. Solange die eigene sowie die öffentliche Wahrnehmung die Täter immer noch entschuldigt und die Opfer in die Verantwortung zieht, müssen wir die gesellschaftliche Diskussion fortführen.

Sicherlich gibt es Grauzonen wo Abneigung, Verführung, oder latente Gewalt als sexuelle Spielart zum Einsatz kommen, aber wenn ein Mann eine schlafende Frau vögelt von der er vorher ihre Zustimmung nicht eingeholt hat, dann ist das schlichtweg eine Vergewaltigung.

Diejenigen, denen Gewalt widerfährt, können eine Gesellschaft, in der Vergewaltigung zum Alltag gehört, nicht ändern. Was wir tun können, ist das Schweigen zu brechen. So wie es auch die Frauen getan haben, die Übergriffe durch Bill Cosby erfahren haben, so wie es so viele unter dem Hashtag #aufschrei getan haben – und bei vergleichbaren Aktionen überall in der Welt.

Schweigt nicht, wenn euch ähnliches passiert ist, sprecht darüber, egal ob öffentlich oder mit jemandem, der euch helfen kann und psychologisch geschult ist. Tut es nicht einfach ab, denn es ist niemals eure Schuld!

Niemals.

Anmerkung:

Zwei Jahre später, im Oktober 2017 kam es durch den Hashtag #metoo und durch den Fall Harvey Weinstein zu einer viralen Ermächtigungswelle, in deren Laufe immer mehr Betroffene sich trauten öffentlich über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt zu sprechen und auch Namen von Täter*innen zu nennen.

Im Frühjahr 2018 habe ich mit meiner Freundin, der Autorin Theresa Lachner auf der re:publica Konferenz einen Talk zum Thema gehalten mit dem Titel „Us, too“.

Wir ließen unseren Talk nicht mit filmen, da es uns wichtig war für das anschließende Publikumsgespräch einen safe space zu schaffen. Was auch gut so war, da mehrere Betroffene vor Ort über ihre Erlebnisse berichteten.

Ich habe meinen Teil des Talks hier auf meinem Podcast noch mal zum Nachhören veröffentlicht.

Seit der ersten Veröffentlichung dieses Textes habe ich unzählige Zuschriften von anderen Betroffenen erhalten, von kurzen Emails bis hin zu einem fünfseitigen, handgeschriebenen Brief. Es war wie ein Wasserhahn der einmal aufgedreht wird.

Die Dunkelziffer ist so viel höher als wir glauben wollen.

Einige dieser anonymen Nachrichten findest du in diesem Beitrag.

Hier findet ihr einen weiteren Artikel warum wir endlich lernen müssen, das Thema gesellschaftlich anders zu bewerten. Hier gibt es eine englische Übersetzung des Artikels.

Bitte unterstützt im Zuge dessen auch die Arbeit meiner Freundin Nina Fuchs, die gerade dabei ist in ihrem Fall vor dem Bundesverfassungsgericht ein Recht auf eine faire Rechtssprechung zu erstreiten.

Wenn ihr selbst Hilfe braucht findet ihr hier

Frauenberatungsstellen in Berlin

Beim Hilfetelefon könnt ihr von überall aus anrufen.

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