Zu Besuch bei Voelkel: Hafer Drink in der Pfandflasche

Wer meine Arbeit kennt (und davon gehe ich aus wenn du hier gelandet bist), weiß, dass mir das Thema Bio-Landwirtschaft und Bio-Lebensmittel sehr am Herzen liegen. Durch meine Weiterbildung zur Fachfrau für Bio-Gourmet-Ernährung an der IHK Köln und das damit dazu gewonnene Wissen hat sich diese Haltung nur noch verfestigt.

Bio ist für mich so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner für Lebensmittelqualität, der eigentlich Standard sein sollte. Kein Gift in Lebensmitteln, das dort nichts zu suchen hat.

Keine Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur.

Nur wo Bio drauf steht, ist auch Bio drin. Die EU-Bio-Richtlinien gewährleisten ein Grundmaß an Nachhaltigkeit, Chemie-Freiheit, Gen-Freiheit und fairen Preisen für die Erzeuger*innen.

Und so habe ich mich auch sehr über die Einladung von Voelkel gefreut zur Produktionsstätte ins Wendland zu fahren und mehr über den neuen Hafer Drink in der Mehrwegflasche zu erfahren.

Bei der Gelegenheit habe ich auch viele Dinge über das Wendland gelernt, die ich davor nicht wusste. Beispielsweise, dass dieses Gebiet zu DDR-Zeiten der östlichste Zipfel Westdeutschlands war und somit viele Künstler und Intellektuelle aus Westberlin anlockte (die es sich leisten konnten) sich dort ein Sommerhäuschen zuzulegen. Das ehemalige Zonenrandgebiet erlangte in den 1970er und 1980er Jahren zudem überregionale Bekanntheit durch die Proteste gegen das Atommülllager Gorleben und wurde zu einem Fixpunkt atomaren Widerstands. Noch heute ist diese Geschichte sehr präsent zu spüren, sei es durch das allgegenwärtige gelbe X als Widerstandssymbol aber auch durch die Präsenz ökologischer Landwirtschaft und nachhaltiger Lebensart. So findet man in vielen Dörfern einen Bioladen, ein Phänomen, das man in anderen ländlichen Gegenden Deutschlands vergeblich sucht.

Dies passt auch gut zur Geschichte der Familie bzw. der Firma Voelkel, die stark mit der des Wendlands verwoben ist, doch dazu später.

Nach meiner Ankunft im beschaulichen Gartow traf ich mich auf einen Plausch mit Fried Graf v. Bernstorff und dem landwirtschaftlichen Leiter der Gräflich Bernstorffschen Betriebe, Sebastiaan Huisman. Sie betreiben auf dem Grund von Frieds Familienbesitz ökologische Landwirtschaft aus Überzeugung und beliefern u.a. auch Voelkel und Bauckhof mit Hafer, Möhren und Roter Bete.

Wie auch schon bei meinem Besuch bei Benedikt Bösel letzten Sommer dreht sich das Thema um Bodenfruchtbarkeit bzw. Bodengesundheit.

„Die Wiederherstellung und der Erhalt der Bodenfruchtbarkeit müssen zu einer gesamtgesellschaftliche Aufgabe gemacht werden für die wir alle Verantwortung tragen.“

Die Tatsache, dass immer mehr Unternehmen sich für gute CO2 Bilanzen prämieren lassen, habe zwar Aufmerksamkeit auf das Thema Nachhaltigkeit gelenkt, doch darf diese nicht mit Bodenfruchtbarkeit verwechselt werden. Sie ist nur ein Aspekt nachhaltigen Wirtschaftens und wird allzu oft als eine Art Ablasshandel von Unternehmen genutzt.

Engagierte Menschen wie Sebastiaan und Fried sorgen sich um die Gesundheit der Böden, forschen zu neuen Erkenntnissen und reaktivieren altes, verloren gegangenes Wissen, um es an Andere weiterzugeben. Denn dort – IM BODEN – beginnt der Kreislauf von Wachstum und der unserer Nahrungssicherung. Der Status Quo der konventionellen Landwirtschaft hingegen sieht so aus: Erodierte Böden, niedriger Humusanteil, chemische Belastung, entkalkte Böden, wenig Grundlage für Bodenbiologie (Lebewesen) und ausgetrocknete Landschaften. Trockenheit.

Es gibt vielfältige Wege dem entgegen wirken: Bewässerungssysteme bzw. gutes Wassermanagement, Hecken pflanzen, Wasserlandschaften, Pflanzenfolgen, schonender Umgang mit den Feldern (Hacken statt Pflügen), Einsatz von nährstoffreichem Humus (nicht zu verwechseln mit Kichererbsenpüree).

Bevor Sebastiaan mich auf eines der Haferfelder mitnimmt und mich an frischem Humus schnuppern lässt, erklärt Fried die Komplexität der Fruchtfolgen am Beispiel des Hafers, der für den Voelkel Haferdrink verwendet wird:

Im regionalen Ökolandbau rund um die Produktionsstätte wird Hafer nur jedes 7.Jahr auf einem Feld angebaut um eine für den Boden optimale Pflanzenfolge zu gewährleisten.
 Da wächst dann 2 Jahre Kleegras, im 3.Jahr Dinkel, im 4.Jahr Hafer, im 5.Jahr Hackfrucht (z.B. Kartoffeln, Möhren, Rote Bete), dann im 6.Jahr Körnerleguminosen (Lupinen, Erbsen, Ackerbohnen, Soja) und im 7.Jahr Getreide (Gerste, Roggen).

War euch das bisher bewusst? Mir nicht, aber mit jedem Puzzleteil den ich über ökologischen Landbau lerne, mehrt sich meine Wertschätzung für rücksichtsvoll und nachhaltig erzeugte Lebensmittel.

Die Mengen, die Voelkel jetzt schon benötigt sind übrigens nicht komplett regional lieferbar, deshalb muss hinzu geliefert werden. Das ist aber eine positive Entwicklung, so wird der Öko-Landbau im gesamtdeutschen Raum gefördert.

Am Ende unseres spannenden Gesprächs frage ich die beiden noch nach ihrem Rat für uns Konsument*innen zuhause. Dieser lautet:

Transparenz einfordern.

Und sich bewusst machen, dass konventionelle Landwirt*innen keine „schlechten Menschen“ sind, sondern oft Opfer eines Systems und dass diese oft schon während der Ausbildung an Agrar-Universitäten unter dem Einfluss von Lobbyismus stehen. In geschlossenen Abhängigkeitssystemen werden sie unter Druck gesetzt von Molkereien, Genossenschaften, Banken, die einen Umstieg auf ökologischen Landbau erschweren.

Deshalb sind beispielhafte Projekte so wichtig für die Vorbildwirkung.

Zwar machen Anbauflächen im ökologischen Landbau aktuell immer noch nur 10% aller Anbauflächen in Deutschland aus, dass steigt der Anteil an Bio-Lebensmitteln seit 20 Jahren jedes Jahr stetig an.

Wir als Konsument*innen können durch unsere Kaufentscheidung die Entwicklung zu mehr Bio unterstützen.

Tags darauf geht es zu Voelkel, mit dem Ebike radle ich durch das Naturschutzgebiet bei strahlendem Frühsommerwetter zum Werk in der Gemeinde Höhbeck, vorbei an den für die Gegend typischen wunderschönen Fachwerkhäusern und träume ein bisschen davon hier so ein Häuschen zu haben. Bei einer „Kasse des Vertrauens“ decke ich mich noch mit Johannisbeermarmelade ein und parke mein Rad auf dem Fahrrad-Parkplatz der Firma.

Leider ist aufgrund von erhöhten Sicherheitsmaßnahmen wegen Covid-19 keine Werksbesichtigung möglich, aber ich treffe mich draußen mit den Brüdern Jacob und Jurek Voelkel.

Zusammen mit ihren weiteren Brüdern Boris und David übernahmen sie den Familienbetrieb von ihrem Vater Stefan.

Seit 2011 befindet sich die Voelkel GmbH zu 90 Prozent im Eigentum der Voelkel Stiftung. Die Stiftungskonstruktion soll Übernahmen durch Dritte ebenso verhindern wie finanzielle Lasten durch erbberechtigte Kinder. Das Kapital soll stattdessen langfristig erhalten und vermehrt werden, z.B. durch Investitionen in das Unternehmen oder Gewinnausschüttungen für Mitarbeiter*innen. Nachhaltigkeit wird hier im ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Sinn verstanden. Die gemeinnützige Stiftung Verantwortung für Mensch und Natur hält 10 Prozent der Anteile an der Voelkel GmbH. Sie fördert mit ihren Erträgen ökologische und soziale Projekte.

Ob in der Anti-Atomkraft-Bewegung, in AIDS-Präventionsprojekten als auch in der Flüchtlingshilfe. So reiste Stefan Voelkel 2015 nach Lesbos und unterstützt ortsansässige Einrichtungen für Geflüchtete mit Spenden und schufen Arbeits- und Ausbildungsplätze im Werk

Somit sind Voelkel ein exemplarisches Beispiel für eine transparente, verantwortungsvolle Unternehmensphilosophie, die nicht auf Gewinnoptimierung basiert.

Doch zurück zum Haferdrink oder wie ich ihn frech zu nennen pflege: Hafermilch.

Neben einem umfangreichen Obst- und Gemüse-Saft-, Smoothie- und Shots-Angebot lag es eigentlich schon längst auf der Hand auch pflanzliche Milchalternativen zu entwickeln.

Somit nahm sich Jacob dieser Sache an und legte als leidenschaftlicher Kaffeetrinker auch großen Wert darauf, dass das fertige Produkt sich gut aufschäumen lässt und in Verbindung mundet.

Auch in meinem persönlichen Umfeld und speziell in der Gastronomie war die Nachfrage nach einem Pflanzendrink in Pfandflaschen schon lange gegeben.

Zwar gab es mittlerweile kleinere lokale Start-Ups wie Kornwerk und Havelmi***, aber keine überregionalen Bio-Erzeuger*innen, die eine größere Nachfrage bedienen konnten.

So investierten Voelkel in das Pfandsystem um diese Vision wirtschaftlich umsetzen zu können.

Denn immer wieder werden Stimmen laut, die behaupten, dass Elopak oder Tetrapak ab einem bestimmten Transportweg eine bessere Ökobilanz hätten als Mehrwegsysteme, dies hält Jurek Voelkel in unserem Gespräch für eine Milchmädchenrechnung.

So gebe es deutschlandweit nur eine Anlage die diese Verbundstoffe (Karton, Polyethylen, Aluminium) recyclen könne und natürlich landen nicht all diese Verpackungen dort.

Die von den Unternehmen verwendeten Statistiken sind oft veraltet oder gehen von einem Idealfall aus, der mit der Recycling-Realität nichts zu tun hat.

Im Regelfall werden die Verpackungen verbrannt.

Im Gespräch erklärt Jurek mir, dass bei einer großen Flasche das Verhältnis Verpackung:Inhalt günstiger sei als bei einer kleinen Flasche.

Glasrecycling sei zudem ein in Deutschland richtig gut funktionierender Stoffkreislauf.

Und für Voelkel gilt, was auch in der Gastronomie ein alter Hut ist: „Keine leeren Wege“.

Wenn Neuware abgeholt wird, können die Transportunternehmen leere Flaschen zurückbringen.

Sein Bruder Jacob erzählt mir über die Entwicklung und Abfüllung des Haferdrinks. Bewusst habe man sich nicht für klassische Milchflaschen entschieden, da die Haltbarmachung in klassischen braunen Glasflaschen mit schmalem Hals viel einfacher sei.

Als Zutaten kommen glutenfreier Bio-Vollkornhafer, Sonnenblumenöl und etwas Meersalz zum Einsatz. Der Vollkornhafer ist besonders nähr- und ballaststoffreich und enthält wesentlich mehr Mineralstoffe als zum Beispiel Weizen oder Roggen. Für ein möglichst ursprüngliches Genusserlebnis verzichtet die Naturkostsafterei bei ihrem Haferdrink vollständig auf den Zusatz von Zucker. Eine feine Süße wird auf natürlichem Weg durch Fermentation erreicht.

Für die nahe Zukunft sind auch eine spezielle Barista-Variante sowie andere pflanzliche Milchalternativen geplant.
Ein wichtiges Thema, denn gerade auch in der Gastronomie wächst die Nachfrage nach hochwertiger Pflanzenmilch stetig und auch an meinem Arbeitsplatz bei Isla Coffee verwenden wir aktuell noch Hafermilch aus dem Tetrapak, da bisher keine der Pfand-Alternativen dem Qualitätsanspruch des Chefs genügt hat.

Diese lauten: Sie muss immer gleichmässig zu schäumen und gut länger lagerbar sein sowie auch ein rundes Geschmackserlebnis mit dem servierten Kaffee bilden.

Ich hoffe dass Voelkel das erfüllen und uns zukünftig Müll ersparen werden.

Nun ist euch vielleicht aufgefallen, dass alle Personen, die ich auf meiner Reise im Wendland traf Männer waren und natürlich kann man Stefan Voelkel keinen Vorwurf daraus machen, dass er vier Söhne hat und diese den Betrieb heute führen, doch geht man zurück zu den Wurzeln des 1936 gegründeten Unternehmens, findet sich dort die Geschichte einer erstaunlichen Frau:

Margret Voelkel, deren Urgroßmutter, die zusammen mit ihrem Mann Karl 1919 als Siedlerin nach Pevestorf zog und dort fast mittellos und unter höchst widrigen Umständen eine Existenz für ihre Familie schuf.

Nachdem sie sich mit Erdbeeranbau über Wasser gehalten hatte, fing Karl, von Pragmatismus bestimmt, an mit einer mobilen Saftpresse über die Dörfer zu ziehen und das Obst der Bauern zu mosten. Nach einer Weile fingen die Beiden an auch die Pasteurisierung des Saftes zu übernehmen und ab 1936 wurden sie sich in einer ehemaligen Molkerei mit der Mosterei seßhaft.

Sie arbeiteten sehr hart und lebten ein entbehrungsreiches Leben, waren stark beeinflußt von der Philosophie Rudolf Steiners*, der als Mitbegründer der biologisch-dynamischen Landwirtschaft gilt.

Zwei ihrer drei Söhne starben im zweiten Weltkrieg. Harm, der überlebte, führte den Betrieb nach dem Krieg weiter und bekam auch vier Kinder, von denen Stefan seine Nachfolge antrat, der Vater von Jurek, Boris, David und Jacob.

Ihr namentlich gewidmet ist übrigens das tiny house in Gartow, das ich während der Dauer meines Besuches bewohnte und es schmücken Fotos der Gründerin sowie eine Aufnahme des ersten Siedlerhauses, das in seiner Bauart eines der ersten tiny houses überhaupt darstellte.

So schließt sich der Kreis.

Ich danke der Firma Voelkel für die Einladung auf diese sehr aufschlussreiche und erholsame Pressereise und den Einblick in Unternehmen und Familiengeschichte.

*Steiners Einfluss in diesem Bereich ist bis heute enorm, wobei aber auch Rassismusvorwürfe nicht unerwähnt bleiben dürfen. (Quelle Wikipedia)

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